Behüter der helvetischen Sprachkultur werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die schweizerische Standardsprache durch Vermischung mit «fremdländischen» Ausdrücken verarmt. Das stimmt nur teilweise, denn einerseits ist Schweizerdeutsch wegen der Nähe zu Lateineuropa traditionell mit zahlreichen französischen und italienischen Einsprengseln aufgewertet. Wir sagen Ciao und Adieu, essen Cordon bleu und lutschen Granita di Lamponi. Das macht unsere Sprache besonders, nicht arm, sondern reich und zur Brücke zwischen den Kulturen. Ein positiver Aspekt. Andererseits, hier trifft die Kritik, haben Globalisierung und Vernetzung dazu geführt, dass unser Standarddeutsch auch viele englische Lehnwörter beinhaltet. Diese Ausdrücke machen die Sprache nicht reicher, sondern ärmer, da überlieferte Begriffe damit ersetzt und so ausgemerzt werden. Das führt mitunter dazu, dass nicht bloss ältere Zeitgenossen die geschriebene und die gesprochene Verkehrssprache nicht mehr vollumfänglich verstehen. Tatsächlich hat die Vermischung mit Anglofonem bereits erstaunliche Ausmasse angenommen. Sprecher und Schreiber scheinen kaum mehr in der Lage, selbst Alltägliches deutsch und deutlich auszudrücken. Sie finden es «funny» (lustig), zu zeigen, dass sie im Ausland auf dem «College» (Schule) waren und jetzt «smarte Global Player» (schlaue Wanderarbeiter) sind. Lädt sie «Human Resources» (Personalbüro) zum «Assessment» (Idiotentest) ein, trumpfen sie mit «Skills» (Fähigkeiten) auf und nutzen «Tools» (Werkzeuge). Besonders beliebt ist «Denglisch», das englisch-deutsche Mischmasch im «Business», also in der Wirtschaft. Der Leiter der Molkerei «managed» als «CEO» (Geschäftsführer) die «Dairy-Factory» (Firma). Auch im Sport hält man Denglisch für weltmännisch. Der «Match» (Spiel) des «Teams» (Mannschaft) wird für die «Fans» (Anhänger) ein «Event» (Veranstaltung). Im «Interview» (Befragung) will kein «Star» (bekannter Mensch) im sprachlichen «Offside» (Abseits) stehen.
Richtige englische oder erfundene Wörter («Handy») sollen die Weltgewandtheit ihrer Nutzer untermauern. Das ist gut, wenn man die deutschen Begriffe dabei nicht vergisst falls mal jemand nachfragt. Französische Ersatzwörter stehen für einen ganz anderen «Mode de vie» (Lebenswandel). Aus der Alltagsund Geschäftssprache hat sich Französisch mit der Globalisierung zwar verabschiedet. Man geht heute ins «Office» und nicht mehr ins «Bureau». Kulturund Genussfachleute würzen Texte und Vorträge dennoch gern welsch. So wird jemand, der Häppchen vom Wolfsbarsch isst, ein «Connaisseur», der «Amuse-Gueule» vom «Loup de Mer» verzehrt. Solche «Contemporains» (Zeitgenossen) leben selbst beim Fremdgehen gewöhnlich gepflegter. «Avoir une aventure» (ein Abenteuer haben). Wenns um körperliche Nähe geht, wird auch Italienisch gern verwendet. «Fare l?amore» (Liebe machen) ist wahrlich schöner als jedes deutsche Wort hierfür. Aber: Noch gilt als ausgemachter Prolet, wer Ausschweifungen mit «Bunga-Bunga» umschreibt mutmasslich würde das heute aber jeder Schüler verstehen.
Derzeit fegt eine Sprachentwicklung durchs Land, die merkwürdig ist. Denn bei genauer Betrachtung sind einige der neuen Lehnwörter unpassend. Gemeint sind «bundesdeutsche» Ausdrücke. Sie lösen immer mehr Schweizer Wörter ab. Zeitungen suchen Redakteure statt Redaktoren, Fussgängerstreifen sind Zebrastreifen, obwohl sie gelb auf schwarz sind und nicht wie «drüben» weiss auf schwarz. Telefonkabinen sind Telefonzellen, obwohl niemand eingesperrt wird. Führerausweise sind Führerscheine, obschon hier längst in Kreditkartenform. Wirklich fragwürdig aber dies: Der Lastwagen, kurz LW, ist zum LKW mutiert, der PW zum PKW, also Lastund Personenkraftwagen. Wortkreationen aus einer Zeit, da im Norden «Kraft durch Freude» aufkam. Wenns schon was Neues sein muss, dann doch lieber «Truck».
