«Absolut unverständlich» sei die Vorgehensweise der Nagra, klagt der Gemeinderat von Glattfelden in einer Stellungnahme. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat 20 Areale präsentiert, die in der Schweiz für eine sogenannte Oberflächenanlage infrage kommen; diese Pforte zum möglichen Tiefenlager Lägern Nord könnte demnach auch in Weiach oder Glattfelden zu stehen kommen (ZU/NBT vom 21. Januar). «Die Bekanntgabe von möglichen Standorten für die Oberflächenstruktur, bevor überhaupt feststeht, wo das Endlager entstehen soll, führt bei der Bevölkerung zu Ängsten und Unsicherheiten», schreibt die Behörde.
«Machen wir es wie Eglisau!»
Doch genau diese Vorabdebatte gehört zur Idee einer breit abgestützten Standortsuche. Alle sechs möglichen Standort-Regionen sollen sich mit der Frage der Oberflächenanlagen auseinandersetzen. So erläuterte es Simone Brander, die als Expertin des Bundesamtes für Energie den Weiachern Red und Antwort stand. Am Informationsabend am Donnerstag waren 80 Einwohner vor Ort und äusserten vorwiegend ihre Bedenken. Neben der Angst vor Verstrahlung sind die Gefährdung des nahen Grundwasserreservoirs und der Imageverlust des Dorfes die zentralen Befürchtungen. Das Votum einer Einwohnerin brachte die Strategie vieler Weiacher wohl am besten auf den Punkt: «Nehmen wir uns doch ein Beispiel an Eglisau», appellierte sie. «Die haben auch lange genug reklamiert und müssen ihr Asyldurchgangszentrum jetzt nicht bauen.»
«Lieber ein Lager als ein AKW»
Bei den meisten Fragen musste Brander die spezifische Antwort schuldig bleiben das Amt für Energie ist lediglich für die Durchführung der Standortauswahl zuständig. «Ich bin weder Geologin noch Physikerin oder Nuklearexpertin», musste sie mehr als einmal festhalten. Sie verwies auf eine ausführlichere Informationsveranstaltung mit einer ganzen Reihe von Fachkräften, mit der das Bundesamt für Energie durch die Schweiz und Süddeutschland tourt. Für das Gebiet Nördlich Lägern findet der Anlass am Donnerstag, 23. Februar, in Rekingen, am Dienstag, 28. Februar, in Weiach und am Dienstag, 6. März, in Glattfelden statt.
Für das Endlager selber sind nach wie vor sechs Standortregionen im Rennen. Bevölkerung, Behörden und Experten der jeweiligen Gegend sind in den sogenannten Regionalkonferenzen vertreten. Darin Einsitz hat auch der Weiacher Daniel Elsener, der sich aus den Zuschauerreihen zu Wort meldete. «Am Anfang hatte ich auch Angst vor dem möglichen Endlager», sagte er. «Inzwischen habe ich mich aber tiefer mit dem Thema befasst und kann Ihnen sagen: Es ist halb so schlimm. Mir ist es lieber, hier ein Lager zu bauen als ein Atomkraftwerk. Das wäre wesentlich gefährlicher.»
«Nur revoltieren bringt nichts»
Auch Weiachs Gemeindepräsident Paul Willi sitzt in der Regionalkonferenz Nördlich Lägern und bemühte sich redlich, die Weiacher zu beschwichtigen und die Diskussion auf sachliche Argumente zu beschränken. «Zuoberst auf der Kriterienliste steht immer die Sicherheit», sagte er. «Darüber hinaus gibt es Faktoren, die für oder gegen den Standort sprechen. Wir haben ein grosses Grundwasserreservoir, dafür aber auch eine bestehende Bahnlinie.» Nur einfach revoltieren bringe nichts. «Stellen Sie sich mal vor, man würde am Ende das Tiefenlager am drittsichersten Standort bauen, nur weil dort das Dorf weniger laut geschrien hat, das ist völlig undenkbar.»
Auf die Publikumsfrage, wie viel denn eine Standortgemeinde finanziell von einer Oberflächenanlage profitieren würde, sagte der Gemeindechef schliesslich: «Das war bisher nicht Thema. Ich weiss nur, dass die Gemeinden, in denen Atomkraftwerke stehen, einen sehr, sehr tiefen Steuerfuss ausweisen.»
Standortwahl
Als Standort für das Tiefenlager kommen sechs Regionen infrage (darunter Nördlich Lägern). In jeder Region wurden jetzt mehrere mögliche Areale für die Oberflächenanlage vorgeschlagen (vier für Nördlich Lägern, davon zwei in Glattfelden und je einer in Weiach und in Mellikon). Punkto Sicherheit ist der Bau an jedem der 20 Orte möglich. Ab Februar sollen Bevölkerung, Behörden und die Regionalkonferenz die Orte diskutieren sie können dabei innerhalb der Region auch neue Standorte in die Diskussion einbringen. Gestützt auf die Ergebnisse der Zusammenarbeit bezeichnet die Nagra Ende 2012 pro Region mindestens ein Areal. ?(flo)
